11 enero 2015



Flamenco für Freunde


Die Kerze steht noch immer an ihrem alten Platz. Feiner Staub hat sich auf die rote Plastikhülle gelegt. Sanft streicht der Wind an der kalten Marmorplatte entlang. Einige Bäume haben bereits ihr Blättergewand gewechselt und werfen ihren alten Mantel der bunten Jahreslast ab. Kälte zerrt jetzt an den eingegrabenen Knochen. Aufdringliche Stimmen sind erloschen ‒ nur ein vergessener gedankenfreier Blick zum leicht bewölkten Himmel gerichtet ‒ die Inschrift noch gut zu lesen. Wieder ist fast ein Jahr an seinen endgültigen Punkt angelangt. Unsere Begrabenen sind von der letzten Schuld befreit.

Schleppend überdecken die ersten harten Mollakkorde den verlassenen Ort. Schwarze Schatten huschen an der frisch gekalkten Arkadenmauer dem Mittagslicht entgegen. Der junge Freund ist in seiner kahlen Nische vom Leiden erlöst, und der Rabenvogel harrt noch immer vergeblich am eisernen Eingangstor aus.

Die aufrechte Geduld ist die gestrafte Kunst des zeitlosen Wartens am Ende des verirrten Weges! Jedenfalls kann jener Wanderer glücklich sein, der wieder den neuen Tag erblickt.

Langsam und behutsam gleiten die Finger über die Saiten der Gitarre ‒ verkrampfen noch beim ersten Anschlag und entgleiten der ungeschmeidigen Hand. 3/4 und 6/8 Takt, und die · Seguiriyas · erklingt in ihrem endlosen Rhythmus:       

1 und 2 und 3 und die 4 und die 5 und 1 und 2 und 3  und ... wiederholen!  Die verlassene Mutter des letzten reinen · Flamenco · breitet ihre schützenden Arme aus. Ein hastiges Lächeln wärmt noch die sauber polierte Patina der dünnwandigen Instrumentendecke.

Bunte und geruchlose Plastikblumen stehen im kalten Kontrast zum Erdbraun der abfallenden Blätter. Kurz hebt der Friedhofsgärtner den Kopf vor dem Grab des fremden jungen Freundes. Eben nur ein Name unter vielen anderen im computergesteuerten Verzeichnis. 

Auch der Tote verdient einen sauberen Vorhof, wenn der gelangweilte Mann mit dem Besen die Ecken kehrt. 

Menschen eilen durch die engen Hauptstraßen der Stadt, um zu sehen ‒ gesehen zu werden. Grelles Neonlicht reflektiert in den Schaufenstern und streitet im vorprogrammierten Filmabschnitt mit dem säuselnden Musikgeplärre an den Eingangstüren der Supermärkte um die besten Plätze. Auch der letzte Gehirnbrei im pochenden Kopf der erstickten Gedanken verflüssigt sich zu blutleerem Abfall.

Schnell – immer schneller! Die · Bulerías · tanzt ‒ wie der leibhaftige Kobold um seinen eigenen Scheiter-haufen. Der Fingersatz entgleitet der rationalen Logik und dem gebannten Auge. Mehr als 200 hastige Anschläge in der Minute, und die befreite Seele der Gitarre fliegt im zügellosen Galopp mit dem Pegasos davon. Noch eine streng gesetzte Falseta, und gleich schießt die nächste Verzierung durch die aufgeladene Luft – Golpe-Schlag auf Golpe-Schlag:  

12,1,2, ‒ 3,4,5 ‒ 6,7 ‒ 8,9 ‒ 10 und 11 ... wiederholen!  

Das Leben ist ein alter Leierkasten, an dem ein jeder  gerne vor der Musikwalze steht. Doch am Ende ist es Gott in der Höhe, der im Verborgenen und beständig an der blanken Kurbel dreht!

So glaubt am Ende der selbst betrogene Zeitgenosse, bereits jemand zu sein, während er sich nie die nötige Zeit nimmt, um wirklich jemand werden zu können! Jedenfalls soll wieder einmal Freude aufkommen. Es darf getanzt und gesungen werden – gelacht, gegessen und getrunken im blauen Qualm für die Lunge oder den betäubten Kopf. Auch Kehle und Bauch bilden nur eine hastige anatomische Brüderlichkeit und vereinigen sich zum verdauten Rest im unteren Fäkalienbrei. Bücher werden jetzt nach Gewicht verkauft. Papier ist leichter als Fisch und Gemüse in dicken Blechbüchsen: 

„Kaufe noch heute drei und bezahle dann nur zwei volle Dosen!“  

Angebot, Sonderangebot ‒ neues Gebot der Stunde:

Strafendes Gottesgebot oder verlorenes Verbot?  

Noch immer schwingt die gut gelaunte · Alegrías · durch den verdrehten Äther im ersten grauen Morgenlicht. Ein leicht gereiztes Zucken in den Beinen und heiteres Herzflimmern spielen mit der schamlosen Müdigkeit, wie eben auch die herangleitende Meeresbrandung sich nicht greifen lässt. Hinweg und heran ‒ der Narr rennt dem forttreibenden Wasser hinterher, um kurz darauf von den ankommenden Wellen erschlagen zu werden. Ebbe und Flut ‒ Übermut oder doch nur Ohnmacht? 

Ob nun · Tangos · oder · Rumba · ‒ · Fandangos · oder · Sevillanas ·, was schnell in die Seele schiesst, kann auch nur mit Schnelligkeit begriffen und verarbeitet werden. Der Jahreskalender hat seine traditionellen Feste ‒ sein festes Programm für Kirmes aber auch allzu bekannte Kirchenheilige. Die Musik klingt nach: · Fandangos und Verdiales oder Granainas · in Gottes Universum und unter dem letzten uralten schattigen Dorfbaum für alle Nostalgiker. Die · Malagueña · tänzelt auf den hohen Saiten der Gitarre hin und her ‒ rauf und runter. Dann noch einmal das gleiche Spiel im tiefen  Bereich mit anschließendem hohen Akkordwechsel und wirbelnd schnellen Flamenco-Tremolos in: p,i,a,m,i oder Daumen, Zeigefinger, Ringfinger, Mittelfinger und wieder Zeigefinger. Der Kreis ist geschlossen. Jetzt mahnt die leidige · Petenera · zum Einhalt ‒ bremst die heitere Geschwindigkeit durch sanften Arpeggio-Klang: p,i,m,a. Der dampfende Druckkessel braucht vielleicht die verdiente Ruhe im Gesang der · Serrana ·, · Rondeña · und gar der erneut gespielten: · Seguiriyas ·, · Soleá ·, · Tarantos · und · Tientos ·. Auch hier lehnt der verschmitzte Kobold wieder herausfordernd an der Pforte. Ob · Alegrias · oder · Bulerías por Soleá ·. Es juckt noch in den Fingern und den wundgespielten Handgelenken:

1,2,3 ‒ 4,5,6 ‒ 7,8 ‒ 9,10 ‒ 11,12 ... wiederholen!

... Und dann soll noch das Land abermals geteilt oder zerteilt werden ‒ gar gerechter verteilt werden? Ausländische Aufklärer wollen gerne den alten Geist klären ‒ neu verklären! Der Betrogene wird zum Betrüger oder er bleibt doch der ewig Betrogene. Der Nachbar stirbt nun weiter weg von hier ‒ weiter als Berge, Seen, Flüsse und Meere ihn vor den vielen neuen Fremden bewahren könnten. Politisch, ökonomisch, historisch, kulturell, sprachlich, spirituell, verdreht, durchgedreht, sinnlich überdreht, global ‒ oder eben doch nur all zu banal?

Wo eben nur einer allein arrogant hochkommt, da gehen fünfzig verloren unter ‒ Cheerio you lost bumpkins (pendejos oder Trottel)!

Der eigene aber fremd gebliebene Landsmann aus ärmeren Provinzen in Andalusien, Asturien, Aragón oder von der kalten Arktis, der fernen Antarktis, vom mythologischen Atlantis soll noch das kurze Leben und den Rest der schon verpfändeten Tradition verleugnen.  Musik verkommt endgültig zum Dreiakkord-Rhythmus für einfallende Billigtouristen im Dreiwochen-Betrug. · Rumba · und · Sevillanas · ‒ gealterte Kinohelden,  dickleibige Matronen, tätowierte Türsteher und billiger Tischwein. In der Begleitung wird die · Sevillanas · nach der Einleitung dreimal wiederholt für alle vier Akkorde.  Auch die Tänzerinnen sind dann in ihrem Element und den traditionellen bunten Kleidern. Ab und an schwebt aus den verlassenen Erzminen und Schächten im atlantischen Norden bedrohlich und etwas lästig   ‒ doch klassisch, erhaben und aufrichtig eine vergessene · Farruca · über die Köpfe. Die letzten Werften an der  grünen Küste im bergigen Asturien und feucht-archaischen Galizien sind geschlossen ‒ wilde Pferde kratzen scheu an den moosgrünen rostigen Zäunen. Der ausgefranste Dudelsack ist kein Schottenmonopol in Galizien, der eigenwilligen französischen Bretagne oder in den schneebedeckten waldreichen Karpaten. Auch die Falsett-Stimme aus der Ferne zwingt die · Jota · in den Kampf mit den kargen und verkarsteten Feldern in Aragón ‒ den grünen Tälern voll Wein der Rioja ‒ den mit kaltem Reif bedeckten Hochebenen von Kastilien   oder der Steilküste im Baskenland. Die mittelalterliche · Sardana · treibt den Bau von menschlichen „Burgen“ (Castells) an. Auch Babylon wollte einstmals hoch hinaus! Fünf, sechs, sieben, acht, neun, ... und der Himmel ist erreicht. Der letzte zarte Erdenbürger hebt die Fahne über die Köpfe, ehe wieder alles unter dem Jubel der Menschenmenge in sich zusammenfällt. Bauen, um zu vergehen! Halstücher, nicht nur in Rot oder Gelb! Farbe wird zur Abgrenzung am sonnigen Wochenende. Rot für vergangenes und vergessenes Blut. Gelb für das lichte, zart-hügelige und neue oder alte Land ‒ getragen von Menschenketten, die befreien und nicht rosten sollen! 

Katalonien ist erneut im endlosen Rumba-Fieber ‒ die Rambla wieder hinauf und wieder hinunter. Die Rumba Catalana ‒ die Rumba von Barcelona, vereint Kolonie und Mutterland. Einfache und schnelle phrygische Kadenz  und eingängige Harmonik in den Akkorden:

E,F,G,Am oder H,C,D,Em oder Am,Dm,G-7,C,F,E-7 u.s.w. ...!  

Historisch: Phrygien ‒ antike Bezeichnung für die Region der Hethiter im westlichen Kleinasien und später im achten Jahrhundert vor Christus unter

König Midas. Musikalisch: gregorianischer Gesang). 

Gespielt im 2/4 Takt oder 4/4 Takt ‒ mit schnellem Daumen und nachfolgendem: a,m-Golpe-Anschlag. Vor dem Finger-Aufschlag dämpft der Handballen noch einmal den voreiligen Übermut. Rhythmus und strenger Kompass-Takt bedeuten eben auch heilende Disziplin im ewigen Chaos des Ungebildeten. Bemalte und entstellte Gesichter ‒ moderne Krieger auf der Allee in postmoderner Kriegsbemalung für schnelle und leichte Spenden, Geldbeute oder nur Geldbeutel! Die eintönige Bestellung für den kommenden Abend im nächsten McDonald‘s Schnellimbiss lässt sich ja auch gerne von gezähmten „Schauspielern“ umschmeicheln und belagern, sowie eben beim Tango-Tanz wieder einmal der feiste Bauchansatz in der Kniebeuge drückt. Langsam und getragen beginnt der verhaltene Gitarreneinsatz ‒ noch eine leichte pathetische Betonung folgt. Auch im Flamenco kommt die Steigerung unerwartet und rasant. Noch ein Schritt vor und dann noch ein Schritt zur Seite. Die Nacht wird zum Tag ‒ Körper beugt sich über Körper. Der neu erlebte Stolz erdrückt die neu gefühlte Sinnlichkeit ‒ der Ernst die Verklärtheit. Etwas hart ist der Stein, an dem sich die warme Haut reibt. 

Aus dem Boden brechen die Verästelungen alter Wurzeln, und der Flamenco schüttet noch weitere Gaben seines Füllhorns in den Schoss der Menschen: Ob nun · Garrotín · aus Lérida oder die · Zambra · in Tango-Verwandtschaft, musikalische · Colombianas · ewiger Abreise und neuer Ankunft, · Danzas Árabes · vertriebener Mauren aus dem paradisischen Garten von Granada, würdevoll getragene und geduldige · Tientos · der Zigeuner oder noch · Tarantos · mit ihrem düsteren und fremdartigen Bass-Spiel. Wer all das beherrschen möchte, braucht mehr als nur ein kurzes Leben, und so konzentriert sich die strapazierte Seele auf die Grundpfeiler im Flamenco, um dennoch mit festem Stand nach ein paar wenigen Sternen des Firmaments greifen zu können: 

· Alegrías, Bulerías, Fandangos, Rumba, Seguiriyas, Tientos, Tarantos, Tangos und nicht zuletzt die Soleares oder Soleá ·. Die „gereifte“ Gitarre begleitet majestätisch den Gesang grenzenloser Einsamkeit (Soledad) ‒ der unerschöpfliche: Cante Jondo. Schnell gespielte Rhythmus-Einlagen lösen sich im rasanten Wechsel mit Falsett-Varianten ab. Arpeggios bremsen den unbändigen Übermut mit: p,i,m,a,m,i oder p,a,m,i und anderen ''akrobatischen“ Fingerübungen. Daumen und Finger „reißen“ die Saiten der Gitarre förmlich von oben nach unten oder wieder hinauf (rasgueos): c,a,m,i-i (runter-rauf) oder a,m,i-i (runter-rauf) oder zusammen als a,m,i,p-p (runter-rauf) und p-a,i (rauf-runter) oder p-m,p (rauf-runter) ... u.s.w.! Finger öffnen sich zum wedelnden Fächer oder kleben dicht am Daumen. Es folgt noch ein: a,m-Golpe zusammen mit Zeigefinger oder auch einer mit Daumen auf die Gitarrendecke: „p“ und Golpe oder „i“ und Golpe oder „m“ und Golpe auf die ebenfalls geschützte Oberdecke zum Abschluss! 

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen ‒ wer ist kreativ gewesen, wer musste nur lustlos fremden Mehrwert für andere anhäufen? Wer hat das Recht zu urteilen ‒ sich selbst oder gar andere ausgenutzt? Die Welt wäre besser beraten, durch Musik und Kunst die Seele sprechen zu lassen ‒ vielleicht doch aufrichtiger, als farmazeutische Erfindungen gegen den chronischen Schmerz im verkleisterten Kopf. Es sind aber nicht immer die Netten und Sanften, die das Schicksal der Menschheit bestimmen und lieber der Barbarei in den fatalen Abgrund folgen.

Man könnte auch meinen, dass der bunte Schmetterling in seiner retrograden Metamorphose wieder einmal zur schleimigen Larve verkommt.

Mit strenger aber gerechter Hand, sowie weiser Klugheit und Festigkeit, hielt der hethitische König Sargon von Akkad (2356 – 2300 v. Chr.) vor mehr als viertausend Jahren sein Reich in Mesopotamien zusammen. Doch auch dieser despotische Herrscher ließ sein Herz von süßem Harfenspiel und Laute erweichen. Mit dem Streitwagen voran und nach blutigen Schlachten, ließ sein späterer assyrischer Nachfahre Assurbanipal (669 ‒ 627 v. Chr.) für den seelischen Ausgleich, die erste Bibliothek in seinem Reich gründen. Assyrer, Griechen, Phönizier, Römer, Juden, frühe Christen, Byzantiner und ferne Wüstensöhne im Namen Allahs brachten dann im Schatten von Olivenbaum, Dattelpalme und Granatapfel ein Stück ihrer alten Kultur und Musik nach Europa. Die christlichen Nachkommen der Assyrer leben noch heute als Verfolgte und Opfer letzter Kriege in Nordsyrien und im Irak. Ein beachtlicher Teil ihrer alten Musik hatte einst dem spanischen Flamenco neue Wurzeln gegeben. Die verlorene Spiritualität zerbombter Kirchen und alter Gotteshäuser im letzten aufgezwungenen Krieg der östlichen Levante ruft nach erlösendem Beistand für die geschundenen und arg gemarterten Seelen ‒ Beistand im Flamenco und traditioneller Kirchenmesse. Heute muss keiner mehr gläubig sein, wenn der Gesang entlang den Rosettenfenstern des Gotteshauses dem fernen Himmel zueilt. Vielleicht sollte sich aber auch keiner verschließen, wenn das Echo von Stimme und Gitarre an die Brust klopft.

Noch ein letztes Mal poliert das Staubtuch den Körper der Gitarre und streift den langen Tag von den Saiten. Warum denn fragen, wenn der Tote in der Gruft nicht mehr zu antworten braucht und die letzte Stille sich in den hohen Baumkronen der wiegenden Zypressen verfängt!

Noch einmal hört man den getragenen und feierlichen Klang der · Seguiriyas · wie die Zeit eben doch alles erklärt. Wer sich für großartig hält, der gehe zum Friedhof und sehe, dass die Welt nur eine Handvoll geliehener Erde ist.

Noch einmal trägt der feine Abendwind die letzten Stimmen des Tages mit sich fort, und auch die jungen Raben sind nun friedlich! 

¡No soy de esta tierra ‒ ni en aquella nací! ¡La fortuna temeraria rodando y rodando ‒ sin embargo, me trajo aquí a ti! 

Dies ist nicht mein Land, meine Heimat ‒ weder geboren bin ich hier. Das Glück ‒ so tollkühn, und drehe ich mich noch unendlich ‒ es brachte mich dennoch zu dir!


24 diciembre 2013





24. Dezember - Anno Domini Invicti et non Comprehensi

Nach gesegneter Geburt, asketischer Mission, schmerzhafter Kreuzigung und kryptischer Auferstehung ging er letztlich in den erlösenden Untergrund ‒ sowie andere verbannte, verfolgte, vergessene, verkannte, verleugnete und verlorene Weltenbummler und Heilserlöser der gebeutelten Geschichte. 

Das Leben ist ein alter Leierkasten, an dem ein jeder  gerne vor der Musikwalze steht. Doch am Ende ist es Gott in der Höhe, der im Verborgenen und beständig an der blank gescheuerten Kurbel dreht!

24 febrero 2013



Wer umso intensiver die Zukunft plant, den trifft desto härter der ungewollte Zufall.